Ratte-werden

oder über Widerständigkeit an der Universität

Es herrscht ein unglaubliches Gewusel im Seminarraum. Vorne wird der Ton angegeben, süße Noten der Verführung klingen aus der Flöte des hameln’schen Akademikers. Die Ordnung soll hergestellt werden, köderförmig blitzt die Folie zum wissenschaftlichen Arbeiten auf. Mit der Frage konfrontiert, worumes hier eigentlich ginge, sinkt man in sich zusammen. Für was studiere ich Philosophie in einer Zeit, in der die Aussicht auf Karriere gen Null geht (die Lehrstühle sind knapp)? Die Universität avanciert zur Ausbildungsstätte und wir schauen dabei zu, wie sich das Studium der Müßiggänger:innen in einen Ausbildungsapparat transformiert, der zur Überprüfung von Aussagesätzen qualifiziert oder, wenn man den Worten Markus Gabriels, bei einem Vortrag am Institut für Schweizer Wirtschaftspolitik, Glauben schenken darf, werden wir nun alle Ethikberater:innen in den Großkonzernen aller Nationen. Doch die „größte Arbeitsbeschaffungsmaßnahme“ für Phlosophiestudierende kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich da etwas zu verändern scheint, das über den Bruch von analytischer und kontinentaler Philosophie hinausgeht. Das Aufgehobensein der Grenze zwischen Lehrenden und Lernenden im humboldt’schen Bildungsideal macht der Dynamik der Universität zwischen Neofeudalismus und Neoliberalismus Platz. Die Seminare verändern sich, es wird verdichtet, sich selbst gesetzt, Überprüfbarkeit eingefordert und alles, was aus dem Raster fällt, mit einem Handstreich als uninteressant oder total daneben abgetan, verwertbar muss es sein – Heute schon ein Paper geschrieben? Hoffnung versiegt. Die Post-doc-Hölle wartet auf die Anwärter:innen, sie sitzen auf heißen Kohlen mit der Frage beseelt, ob der Philosophenkönig (Lehrstuhlinhaber) seine Linie mit ihnen fortzusetzen gedenkt. An all dem hier beschriebenen haftet allerdings nichts Magisches. Es ist vielmehr die Logik der Konsequenz einer Institution, die sich in der Krise befindet. Doch es sind letztlich die Menschen, die eine Institution beleben, gestalten und formen, an denen es anzusetzen gilt. Als Studierende liegt es in unserer Hand widerständig zu werden, Fluchtlinien zu identifizieren und gegen eine Form zu rebellieren, die man uns aufzwingt. Wirmüssen lernen, Ratten zu werden